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Perspektiven

Wohin geht's - wohin soll es gehen?

"Freisein für" statt "Freisein von"

Wenn wir Freiheit mit einem "Freisein von" gleichsetzen, fixieren wir uns auf das Unerwünschte. Die Freiheit hat dann nichts mehr von einer Hingabe, sondern wird zu einer riesigen Anstrengung unter dem Thema "Freisein von".

In unerer Kultur ist das "Freisein von" ein allgegenwärtig gestaltendes Prinzip

(1) Das heißt auf die Wissenschaft bezogen z.B.: Freisein von Widersprüchen! Das Paradoxe ist nach diesem Prinzip eine Merkwürdigkeit von vorübergehender Natur, die uns nur täuscht und sich durch eine exakte Zerlegung auflösen lässt. Und im Weiteren heißt es: Das Unbekannte wird auf das Bekannte zurückgeführt, so dass Einstein Recht behält, wenn er sagt: "Der Fortgang der wissenschaftlichen Entwicklung ist im Endeffekt eine ständige Flucht vor dem Staunen".
(2) In der Heilkunde zeigt sich dieses Prinzip in dem Versuch, ein Freisein von Krankheit und Störungen herzustellen. Als man in der Medizin den Versuch unternommen hatte, dieses Prinzip auch auf die Behandlung von psychischen Problemen zu übertragen, kam es zu einer peinlichen Überraschung - einer Überraschung übrigens, die nicht von allen Seiten schon entsprechend ernstgenommen wird: Der konsequente therapeutische Versuch, ein Freisein von den Kehrseiten und Bedrängnissen einer Entwicklung zu erreichen, erwies sich nämlich als deckungsgleich mit denselben Methoden, die den Patienten in sein Unglück hineingebracht haben. Psychotherapie und "heile machen" gehen also nicht so einfach zusammen. Das Prinzip eines "Freiseins für" verfolgt dagegen ein anderes Ziel, und ist in diesem Zusammenhang "methodenkompatibel".

"Freisein für", so lautet die Devise

(1) Auf die Wissenschaft übertragen bedeutet das allgemein: Wir suchen ein Staunen herzustellen, also etwas zu finden, was wir nicht erwartet haben (Verstehen ist Verdrehen). Und im Weiteren: Die Widersprüche in den Paradoxien werden nicht mehr als eine Verstehens-Grenze angesehen. Im Gegenteil: wenn wir sie als Grundmotivation von Entwicklung nehmen, werden sie uns beim Verstehen helfen und nachvollziehbar machen, warum die Entwicklung im Konkreten und im Allgemeinen nicht stillstehen kann.
(2) Für eine Psychotherapie bedeutet es: Da wo es klemmt, müssen Veränderungsspielräume hergestellt und nicht Zusammenhänge "repariert" werden. Die Psychotherapie sollte mit ganzem Herzen psychologische Profession sein und einem entgegenwirkenden Anpassungsdruck standhalten.

"Freisein für" heißt offen sein für die prinzipiell nicht vorhersagbaren Wendungen einer Entwicklung. Freisein hat dann etwas von einer Hingabe - das Unliebsame nehmen wir in gewisser Weise mit in Kauf.



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