Diese Seite drucken

Wir verwechseln schon mal gerne was!

(denkenimwandel.blogspot.de, Dezember 2014)

Dinge beschreiben, die es im Seelischen gar nicht gibt
Wir haben uns in der Psychologie ein Beschreiben angewöhnt (und überhaupt, ein Hinsehen!) was einer Art von magersüchtiger Teilhabe am Geschehen gleichkommt, wo wir uns das Geschehen im Beschreiben doch einverleiben" wollen. So beobachten und beschreiben wir z.B. wie folgt: "er ist traurig". Traurigsein gibt es aber als Seelisches (als erlebbaren Zusammenhang) gar nicht, weil es eine Formalisierung ist: Das wirklich existierende Traurigsein ist z.B. ein "als ob ich Haus und Hof verloren hätte" oder ein "als wäre mir die Liebste gestorben" oder "als werde es nie wieder so werden können wie heute" oder...oder..oder..

Sprachliche Bilder oder Verwaltungsinstrumente
Das Wort Trauer oder traurig sein ist eine formale Zusammenfassung, man könnte auch sagen f1471 oder natürlich auch c7rr5. Ich spreche, wenn ich vom Seelischen spreche, immer von den "erlebbaren Zusammenhängen". "Erlebbar" und "Zusammenhang" sollen daran erinnern, dass es tatsächlich erlebbar ist (die Trauer ist es nicht, weil es eine Abstraktion ist, ich kann diesen Begriff als eine Formalisierung erleben, aber um den Begriff geht es ja nicht.

Erlebbare Zusammenhänge als Gegenstand der Psychologie
"Zusammenhang" meint hier, also im Kontext von "Erlebbar", dass es eine Menge! von Einzelheiten in einer einzigen Sache gibt, die wir als Erleben festhalten möchten und zwar eine solche Fülle, dass wir es nur in einem Bild wie z.B. "als hätte er Haus und Hof verloren" tatsächlich fassen können, dann aber mit all seiner Überdetermination bzw. mit der entsprechenden Mischung aus Klarheit und Vagheit. Das ist hier wieder analog zur Quantenphysik zu verstehen: die Wahrscheinlichkeit ist als Ganzes voll zuverlässig (wellenartige Verteilung der Auftrittswahrscheinlichkeiten) der endgültige Ort aber bis ins Mark hinein unbestimmt (also nicht determiniert).

Alltägliche Kompensation und der Schuss nach hinten
Zum Schluss könnten wir uns noch fragen, warum wir eigentlich nicht mehr darunter leiden? Warum fällt es uns nicht Tag für Tag immer wieder störend auf, dieses ungenaue Beschreiben?. Ich denke, dafür gibt es einen einfachen Grund: Wir legen zu unseren alltäglichen Beschreibungen immer noch eine ganze Menge Kontext mit hinzu. Daher versteht uns der andere dann so Pi mal Daumen (durch Melodie, Gestik, Anspielungen sprachlicher Art, Nebenthemen, Vorausgeschicktes etc. - alles das bildet kaum bemerkt den entscheidenden Erzählkontext) . Im Besten Falle also hilft dieses nebenher Gesagte und Getane uns, das Gemeinte irgendwie "herüberzubringen". NIcht selten dürfte es aber auch anders laufen, dass nämlich der Zuhörende mit seinen eigenen Einfällen zum Kontext des Gesagten auf das Großzügigste beiträgt (und das ist jetzt ironisch gemeint). Weil das eben so ist, hat sich auch bald ein Retter für diese Probleme gefunden (ein Retter, der mit wissenschaftlichem Anspruch auftritt): Rettung soll über ein Definieren kommen. Auf diese Weise können wir dann weiter bei den formalisierenden (blutleeren) Begriffen bleiben. Wir hängen nur ein paar "Zettelchen" an dieselben mit dran. Wenn wir der Idee des Definierens nun tatsächlich folgen, sieht eine Beschreibung z.B. folgendermaßen aus:
Sein Tagesablauf ist von einer negativen Gefühlslage dominiert, einhergehend mit zunehmenden Interessenverlust und verschwindender Freude an Tätigkeiten, denen er sonst gerne nachgeht. Hinzu kommen Niedergeschlagenheit, Freudlosigkeit und Selbstzweifel, so wie Müdigkeit und Energieverlust neben Minderwertigkeitsgefühlen und Konzentrationsstörungen.

Irrwege
Die Alltags"sprache", die sich fast nur auf den Kontext verlässt und die "wissenschaftliche" Kunstsprache (Definitionen) sind beides Irrwege.
Die sprachlichen Bilder sind der Kern einer psychologischen Beschreibung. Worthülsen lassen sich durch Kontexte nur behelfsmäßig lebendig machen. Und ein Drankleben von Zettelchen (Definitis) verschiebt die Probleme solcher Hülsen nur untereinander.



^ Top