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Rezension - Wilhelm Salber - Wie geht es?

(Fachzeitschrift Entwicklungstherapie, Heft 4, 2012)

Köln tickt auch in der Psychologie etwas anders
...das wird bei der Lektüre zweier Bücher deutlich, die jüngst im Bouvier-Verlag (Bonn 2008 u. 2009) erschienen sind und von einer bestimmten Sichtweise innerhalb der Psychologie erzählen. Es geht dabei um eine Auffassungsweise, die unter dem Stichwort Morphologie vor beinah 50 Jahren an der Universität in Köln formuliert worden ist und als ein „Versammlungsort" angesehen werden kann, für alle diejenigen, die ihr besonderes Interesse auf einen nicht-preußischen Umgang mit dem Seelischen gerichtet haben. Und jetzt kommt die Kölner Seele und Eigenart ins Spiel: Die Kölner waren nie Untertan. So etwas haben sie einfach nicht gelernt. Als die Preußen 1815 nach Köln vorgedrungen waren und drohten, ihnen den Karneval zu verleiden, organisierten diese ihre Festlichkeiten einfach um. Und heraus kam eine deftige Persiflage auf den Preußischen Pomp und das militärische Benehmen. Die mächtigen Schärpen des Elferrates zeugen heute noch davon. Einen ganz ähnlichen Vorgang hat es etwas später auch in der wissenschaftlichen Psychologie gegeben. Dort, wo es um die Erforschung einer aufregenden und weitgehend unbekannten Seelenlandschaft gehen sollte, machte sich ein „preußisches" Benehmen breit: Eine fremdbestimmte, aus einer anderen Wissenschaft stammende Haltung, gab überall den Ton an. Die Kölner Seele aber konnte dem auf ihre eigene, typische Art und Weise etwas entgegensetzen: Unter dem Motto einer Psychologischen Morphologie bildete sie in den 60er Jahren eine zünftige Gegenkultur hierzu aus. Möglicherweise ist diese nicht immer im gewünschten Sinne verstanden worden, aber da geht es ihr nicht anders als dem organisierten Kölner Karneval. Ihre ansteckende Wirkung hat sie auf jeden Fall bis heute behalten. Und so wie der Karneval auf die Lebensart, so wirkt diese auf eine bestimmte Grundeinstellung hin, und regt zu einer unverklemmten psychologischen Wissenschaft an.

Als Psychologe, Kölner und ehemaliger Mitarbeiter an dem Institut, von dem diese Impulse ausgegangen sind, sehe ich mich motiviert, auf die beiden Veröffentlichungen einmal in einem größerem Zusammenhang einzugehen und möchte, nicht zuletzt über den Bezug auf die Kölner Eigenart und Seele eine gewisse Hilfestellung zur Lektüre geben. Den Schwerpunkt lege ich dabei auf das in 2008 vom Begründer dieser Bewegung, Wilhelm Salber geschriebene Buch „Wie geht es".

Wilhelm Salber, Wie geht es ?
Nichtigkeiten und Ganze
Bouvier Verlag, Bonn 2008, 53 Seiten.
und
Daniel Salber, Wirklichkeit im Wandel
Einführung in die Morphologische Psychologie
Bouvier Verlag, Bonn 2009, 162 Seiten

Werbung für eine uneingeklemmte Psychologie
Es handelt sich bei dem Buch mit dem Titel „Wie geht es?" um die Darstellung einer grundlegenden psychologischen Position, die in einem lockeren Stil verfasst, auf 53 Seiten dargelegt wird. Sein Autor ist Wilhelm Salber, der sich bereits in 35 Büchern und 135 Abhandlungen zum Thema Psychologie geäußert hat und der im Alter von 80 Jahren, sein morphologisches Seelenverständnis hier noch einmal im Ganzen und mit einer besonderen Pointierung auf die Bühne bringt (Untertitel: „Nichtigkeiten und Ganze"). Bei der Lektüre dieses Buches wird allerdings deutlich, dass vor allem dieses seiner Werke nur dann „richtig verstanden" und mit der gewünschten Freude gelesen werden kann, wenn man um bestimmte Hintergründe weiß. Ein paar Erläuterungen hierzu sind deshalb hilfreich:

Wilhelm Salber (geb. 1928) hatte Mitte der 60er Jahre begonnen, von seinem Kölner Lehrstuhl aus, einen psychologischen „Ort" zu schaffen für alle, die wie er fühlen konnten, dass ein genaues Hinschauen auf die Natur des Seelischen uns etwas aufregend Neues eröffnen würde und, dass dieses Neue nur in einer anderen als in der herkömmlich wissenschaftlichen Herangehensweise verstanden und gewürdigt werden kann.

Das Seelische kam damals an verschiedenen Orten neu in den Blick: Da ist z.B. die Bedeutung der Ambivalenz und des inneren Widerspruchs als Motiv seelischer Bewegung (Psychoanalyse), oder die gestalthafte Übertragung, durch die erst das sprunghafte in einer Entwicklung verstehbar wird (Gestaltpsychologie), oder das Bild vom Seelischen, als einer Art von Software, die zwischen dem so genannten Geistigen und der biologischen Hardware im Menschen nach eigenem Gesetz vermittelt (kognitiv gewendete Verhaltenspsychologie). Diese und ähnliche Ansätze zu einem vertieften neuen Verständnis von Psyche wurden an den Orten, wo sie aufkamen, als Charakterisierungen des jeweils eigenen Denkansatzes wichtig genommen, aber wie ich meine, nicht konsequent genug weiter verfolgt: Das Neue darin wurde vielmehr zu schnell den zugelassenen Denkmodellen einer methodischen Grundhaltung angepasst, die in den Wissenschaften und im heilkundlichen Bereich bis heute noch das Sagen haben. W. Salber gelang es dagegen an einem Lehrstuhl in Köln eine Atmosphäre zu schaffen, die es möglich machte, dem Eigenartigen und Neuen des Seelischen nachzugehen, ohne dass dabei dem herkömmlichen Wissenschaftsideal geopfert werden musste: W. Salber stellte mit einem "morphologischen" Konzept den begrifflichen Rahmen bereit, der es erlaubte mit der seelischen Wirklichkeit besonders frei experimentieren zu können - so, dass diese nicht nach den gewohnten Vorgaben zurechtgebogen werden musste.

Gestützt auf die Analogie zu einer Goetheschen Morphologie und Farbenlehre konnte hier den ebenso banal wie ungeheuerlich erscheinenden Verwandlungsmöglichkeiten des Seelischen nachgegangen werden. Wer sich hier traf wurde ermutigt, genau hinzuschauen, was im Seelischen wirkt und auszuprobieren was da alles geht und was nicht. Das hat diesen „Ort" zu einem Ausgangspunkt von ganz verschiedenen und erstaunlichen Entwicklungen gemacht. In der Marktforschung z.B. sind Institute entstanden, die solcherart angeregt, mit freiem Interview und qualititativen Methoden arbeiten, ohne sich, wie üblich, aufs Kreuzchenzählen und Statistik zu verlassen. Die Gründung eines neuen Fachbereichs Wirtschaftspsychologie, der vor einiger Zeit mit viel personaler und wissenschaftlicher Unterstützung aus Köln, an einer privaten Universität in Potsdam eingerichtet wurde, ist ein weiteres Beispiel hierfür, ebenso die psychotherapeutische Weiterbildung zum Intensivberater.

Für manche Entwicklungen ist der Begriff Morphologie zu einer Art Markenzeichen geworden, was sich in dem Namen des Angebotes auch gerne zu erkennen gibt. In anderen Fällen dagegen fehlt ein solcher Hinweis vielleicht ganz, aber eine frühe Verbindung ist vorhanden. Was einmal wesentlich Anregung war und sich zunächst in der morphologischen Schule zu Hause fühlte, hat dann Kurs auf eine eigene Entwicklung genommen. Als Beispiel hierfür ist die Entstehung einer Bildanalytischen Psychologie und Entwicklungstherapie zu nennen, für die der Verfasser dieser Buchbesprechung steht. Diese Entwicklung hat am gleichen „Ort" ihren Anfang genommen und sich von dort aus ermutigt gefühlt, im Bildanalytischen Denken einen eigenen Zugang zum Seelischen zu finden.

In diesem kleinen Buch für dessen Lektüre das hier vorausgeschickte einen hilfreichen Rahmen bieten möge, wird von W.Salber noch einmal mit viel Leidenschaft die besondere Position dargestellt, die zu einem solchem Sammlungsort werden konnte. Die Sprache, die es ermöglicht, in einer probierenden Weise auf die Zwischenwelten einzugehen, auf die wir uns im Seelischen einlassen - wenn wir es denn wollen - hat Salber in den letzten Jahren weiter verbessert. Seine interessant pointierte Zusammenfassung bietet eine weitere Klärung des begrifflichen Rahmens, besonders für den suchenden Psychologen, der dem verfestigten wissenschaftlichen Denken misstraut und offen auf die besondere Natur des Seelischen zugehen will.

Es gibt allerdings auch ein Problem für den potentiellen Leser anzumerken und der bezieht sich auf den Stil des Verfassers: Salber umtanzt mancherorts mit einem solchen Wirbel die Linie seines Gedankenganges, dass der Leser ihm nicht folgen kann, weil er die Bezüge verliert. Wer von einer morphologischen Psychologie noch nicht viel gehört hat, dem sei ergänzend zur Lektüre das Buch von seinem Sohn Daniel Salber empfohlen, das 2009 im gleichen Verlag erschienen ist. Es hat den Titel „Wirklichkeit im Wandel" und geht sehr sorgsam und werbend mit dem interessierten Leser um. Beide Bücher können, besonders bei einem Wissen um den hier besprochenen Hintergrund, mit Gewinn und Vergnügen gelesen werden. Die Kölner Seele kann sich in dem Geist dieser Bewegung sehr gut wiederfinden.



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