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Die Perspektive der Erfahrungszusammenhänge

(denkenimwandel.blogspot.de, August 2014)

Ein "Apropos"-Beitrag
- geht auf einen Kommentar oder Beitrag in facebook zurück

Kontext: Dieser Beitrag ist von mir in der facebook-gruppe Psychologie des 21ten Jahrhunderts gepostet worden, für Leser, die sich für die Frage interessieren, wie sich psychologisches Denken in der Zukunft entwickeln könnte und entwickeln sollte. Echte Entwicklungen eröffnen stets neue Perspektiven, ein neues "Sehen", sie gehen aber auch selbst erst aus einem veränderten Sehen, aus einer neuen Perspektive auf die Welt hervor. An dem Letzterem will mein Beitrag anknüpfen: Ich stelle darin vor, wie das Denken von Alfred North Whitehead (Mathematiker, Physiker und Philosoph) zu einer Psychologie beitragen kann, die sich durch ein neues und eigenes Wissenschaftsverständnis auszeichnet, und zwar innerhalb einer sich zukünftig möglicherweise neu verstehenden Wissenschaftsgemeinschaft.


Wissenschaft mit universaler Perspektive
Die Perspektive der Erfahrungszusammenhänge beschreibt nach Whitehead etwas Universales in der Welt, dass wir zu seiner Zeit jedenfalls noch nicht ernsthaft auf dem Schirm wissenschaftlicher Orientierung hatten (er starb 1947). Eine universale Perspektive, die in allem ihr Dasein hat, spürte man einzig und allein in der Wissenschaft von den "raumzeitlichen Zusammenhängen" (Physik) und ähnlich auch in der Wissenschaft von den "formalisierenden Zusammenhängen" (Mathematik).
Nach Whitehead ist aber in unserer Welt durchgehend - also quer durch alles hindurch - eine Realität wirksam, die er als Realität der Erfahrungszusammenhänge bezeichnet: Alles lässt sich als ein Zusammenhang beschreiben, in welchem es um den Prozess eines sich gegenseitigen "Erfahrens von Zusammenhängen" geht. Natürlich ist hier der Begriff Erfahrung weiter gefasst, als wir ihn von der Person-Erfahrung und den speziell dabei mitgegebenen Bewusstseinsqualitäten etc. her kennen.

Initiierendes Paradigma
Interessant ist dieser Gedanke, weil er ein "Initiierendes Paradigma" für eine Wissenschaft in die Welt setzt - und zwar für eine Wissenschaft, die es bisher noch nicht über die Form einer Bereichswissenschaft hinausgebracht hat (es geht dabei um eine Psychologie des zurückliegenden Zwanzigsten Jahrhunderts die bis in das Heute hineinreicht).

Aus einer Bereichswissenschaftlichen Psychologie...
(die sich auf einen bestimmten Phänomenbereich, mämlich aufs Verhalten und Erleben hin verortet, so wie es die Geographie - salopp gesagt - auf die Berge und Flüsse hin tut)
...kann auf diese Weise eine Psychologie mit Universaler Perspektive entstehen. Und diese gerät dabei auf Augenhöhe mit der Physik und der Mathematik - die ich als Grundwissenschaften neben die Bereichswissenschaften stellen möchte.

Konsequenzen
Es ist naheliegend, dass es bei einer universalen Perspektive auch (oder doch eigentlich erst) Sinn macht, eine eigene wissenschaftliche Methode (Methode im ganzheitlichen Sinne) zu entwickeln. Wenn es dagegen nur um einen Bereich der Dinge dieser Welt zu gehen hat, liegt es natürlich näher, die verschiedensten "Methoden" (Biologie, Soziologie, Neurophysiologie, Theologie...) lieber alle einmal an die gleiche Sache heranzulassen, und darin den Schwerpunkt der Forschung zu sehen. Die Anziehung und die Leidenschaft dieser Wissenschaft geht dann naheliegend aktuell eher in die Richtung: "Mal sehen, was die Hirnphysiologie dazu sagt".
Whitehead verdient es, einmal ausdrücklich als derjenige genannt zu werden, der eine Markierung zu einer neuen "Wissenschaft mit universaler Perspektive" gesetzt hat (auch wenn das in seinen Schriften noch unter der Zielsetzung einer neuen Philosophie gelaufen ist).

Die Psychologie fürs 21. Jahrhundert tauglich machen
Die neu entstehende Wissenschaft nenne ich die Wissenschaft von den erlebbaren Zusammenhängen. Alle bildhaften Zusammenhänge, Gleichnisse Analogien sind damit gemeint, weil das Erlebbare immer eine bildhafte Natur hat - Bild und Erlebbar stehen gleichsam synonym zu einander. Damit ist der Gegenstand der Psychologie über das Erleben und Verhalten hinaus auf jeden bildhaften Zusammenhang bezogen: Alles in der Welt "versteht sich gleichsam selbst" nach dem einen oder anderem Bilde - das lässt sich nachweisen.
Das Initiierende Paradigma, das zu einem solchen Verständnis von Psyche und Psychologie führt, kommt aus der Idee Whitheheads, der (philosophisch motiviert) in der Natur der Erfahrungszusammenhänge einen universalen Herzschlag für alles Geschehen in der Welt gesehen hat.

Hinweise aus Whiteheads Texten
Für den, der noch etwas mehr über die Anstöße Whiteheads zu dem hier entwickelten Gedankengang wissen will, schnell noch ein paar Hinweise aus seinen Texten:
Whitehead fragt sich z.B.: Was gibt den Erfahrungszusammenhängen eine Richtung?: Seine Antwort lautet, dass es kein Endziel für sie gibt, dass die Erfahrungen also nicht durch ein Endziel (Vorherbestimmtheit, Determination) gesteuert sind. Die Bewertungskriterien der Erfahrungszusammenhänge sind in ihrer Richtungsbestimmung vielmehr sehr allgemein und lassen inhaltlich beinahe alles offen. Es gilt lediglich:

Alle Erfahrungsprozesse streben nach Intensität:

Das einzelne Geschehen nimmt Bewertungen z.B. auf die folgende Weise vor. Es fragt sich: "Läuft der einzuschätzende Prozess auf ein Trivial- oder auf ein Kontrastreichwerden zu?"
Ein Beipiel: Wenn jemand durch ein Fernsehprogramm zappt, entsteht in diesem Fall eine Art von Erfahrungsbrei, bestehend aus (sagen wir:) 2 Minuten Tanzwettbewerb, 3 Minuten Verfolgungsjad mit dem Polizeiwagen, 1 Minute Naturfilm und 4 Minuten Politikerstatement in einer Talkshow. Es kommt in diesem Falle zu keinem Kontrast, weil durch das Ausgeweitet-Sein über die vielen Geschehens- und Problemfelder bei gleichzeitig fehlender Vertiefung sich erst gar kein Zusammenhang am jeweiligen "Ort" profilieren kann, geschweige denn kontrastreiche Zusammenhänge im übergreifenden Ganzen.
Enge und Weite, Vagheit und Tiefe, Trivialität und Kontrast sind nach Whitehead Kriterien, die bei einer sich selbst reflektierenden Erfahrungsentwicklung zum Einsatz kommen:

Die größtmögliche Kontraststärke wird gesucht.

Kontraststärke kann einmal durch Verengung und ein anderes Mal durch Erweiterung erreicht werden, einmal durch eine Verlagerung des Schwerpunktes in die Vagheiten eines Beziehungs-Ganzen hinein und ein anderes Mal durch ein zuspitzendes Vereindeutigen. Ein Ideales Geordnetsein von Erfahrungszusammenhängen gibt es nicht. Es kommt auf den jeweiligen Kontext an. Erst im Zusammenhang mit ihm entscheidet sich, was eine Intensivierung weiterbringt. Gesetze als grundlegende Zusammenhänge können aber - wie im Vorangehenden schon angedeutet - sehr wohl dabei "heraugeslesen" werden.

Der Beitrag selbst als Erfahrungszusammenhang

Wir sehen, Alfred North Whitehead hat schon sehr konkret über die Möglichkeit einer neuen (Grund-)Wissenschaft nachgedacht. In einer Bildanalytischen Psychologie, die ich seit einigen Jahren entwickel und an verschiedenen Orten vertrete, konnte bereits vieles von der Idee Whiteheads in ein konkretes Bild von einem erweiterten Seelischem und einem "Funktionieren-in-sich" umgesetzt werden. Auch an anderen Orten (Orten eines soziologischen Denkens á la Dirk Baecker, eines morpho-psychologischen á la Wilhelm Salber, oder eines ökonomisch-ökologischen á la Jeremy Rifkin) scheint mir ein Geist zu wehen, der mit diesem "initiierenden Paradigma" sympathisiert. Für diejenigen, die eine Bildanalytische Psychologie noch nicht kennen, wünsche ich mir, dass sich mein Beitrag als Erfahrungszusammenhang auftut, der sich mit dem Eigenen intensivierend ins Verhältnis bringt.



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