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Bildanalytisches Denken

(Fachzeitschrift Entwicklungstherapie, Köln, 2001)

Ein psychologisches Konzept und seine Bedeutung für Psychotherapie und Beratung

Was ich Ihnen vortragen möchte, steht stellvertretend für eine ganze Reihe theoretischer Setzungen, die ich nicht alle in diesem Vortrag entfalten kann. Es geht um ein neues Denken in der Psychologie. Zur Darstellung bringen will ich dieses Denken nun von einem bestimmten Ansatzpunkt aus, und der ist das "Bildverstehen". Bildverstehen ist unser Name für das Seelische.

Lassen wir uns für eine kurze Zeit hier einmal darauf ein, das Psychische auf eine ungewöhnliche Weise zu betrachten. Und damit keine unnötigen Verwirrungen entstehen: Ich gebrauche die Worte immer in ihrer allgemeinsten Bedeutung. Andernfalls mache ich es durch den Zusammenhang oder über zusätzliche Erläuterungen eindeutig. Wenn ich also hier einmal vom Psychischen und ein anderes Mal vom Seelischen spreche, dann meine ich in beiden Fällen das gleiche.

1. Bildverstehen, ein neuer Begriff von Psyche.

Mit einer bildanalytischen Psychologie - und so nennen wir unsere Art zu denken - lösen wir uns von dem traditionellen Seelenbegriff. Wir schaffen uns dabei einen neuen und erweiterten. Psyche, so legen wir fest, ist für uns alles, wovon wir sagen können, daß es sich nach Art eines Bildes versteht. Die Seele ist für uns nämlich das "Bildhafte-sich-Verstehen" gleich welchen Zusammenhangs. Kurz: das jeweils gegebene "Bildverstehen".

Beispiel:

Hier streiten sich offenbar zwei Menschen und es sieht so aus, als wollten sie sich gleich gegenseitig an die Gurgel gehen. Was ist aber jetzt das Seelische daran? Für die bildanalytische Psychologie ist das Seelische dieser Situation genau das, was uns in der Fassung dieses Wortbildes entgegentritt. Die bildhafte Beschreibung "als wollten sie sich gleich an die Gurgel gehen" steht als ein Gleichnis für die Art und Weise, in der beide miteinander umgehen. Es beschreibt, wie sich das beobachtbare Geschehen verstehen läßt, oder bestimmter ausgedrückt: nach welchem Bild "es sich versteht".

Die besondere Situation in diesem Streit hat also ein ihr eigenes "Bildverstehen" und damit - nach unserem psychologischem Verständnis - auch eine ihr eigene Psyche und Psychodynamik, was sich an der Fortsetzung eines solchen Streites auch bestimmt gut zeigen ließe.
In der Tiefenpsychologie und Psychotherapie kommt den Bildern und Gleichnissen natürlich schon immer eine ganz besondere Bedeutung zu: Man spricht hier z.B. von der Bildersprache des Seelischen. Für eine bildanalytische Psychologie sind Gleichnisse und Bilder aber NICHT nur bloße Darstellungsmittel oder Medien - wie es das Wort "Bildersprache" ja nahelegt.
Sie sind vielmehr das Psychische bzw. die Seele der jeweiligen Sache selbst. Hierin unterscheidet sich das bildanalytische Denken von den anderen im weiten Sinne tiefenpsychologischen Schulen.

Das Bild oder das Gleichnis ist für uns das, was die jeweiligen Gegebenheiten zusammenhält. Ein Bild, ein bestimmendes Gleichnis, ist für uns nicht der Ausdruck einer irgendwo versteckten Seele, sondern die Seele der jeweiligen Zusammenhänge selbst. Die Bilder sind es , die aus den Zusammenhängen ein "in sich verstehbares Ganzes" machen. Für uns ist das Seelische nicht gleichzusetzen mit dem, was wir Erleben und Verhalten nennen, auch nicht mit dem, was wir alles unter einer Persönlichkeit verstehen. Psychisches geht darüber hinaus: Alle Prozesse, Beziehungen und Dinge nämlich, soweit sie uns bildhaft begegnen, sind von seelischer Natur.

Seelisches verstehen wir auch nicht als etwas von oben nach unten Abgeleitetes, als die jeweilige Äußerung einer über allem stehenden Charakter- oder Persönlichkeitsstruktur etwa. Wir meinen mit dem Psychischen vielmehr eine sich immer wieder neu einrichtende Wirklichkeit mit wechselnder Mitte, eine Wirklichkeit, die eben nicht ein einfaches und festes Zuhause hat.

Natürlich bietet sich uns im Erleben und Verhalten und in allem, was wir mit Persönlichkeit und Entwicklung verbinden, ein besonders gutes Feld, Psychisches zu studieren. Wir können aber das Seelische auch in ganz anderen Zusammenhängen finden, so z.B. in Prozessen, die quer durch Dinge und Menschen hindurchgehen, also z.B. auch in einem Vortragsgeschehen.

In einem Vortrag geht es nicht hauptsächlich um eine Person und auch nicht schwerpunktmäßig um ein bestimmtes Verhalten und Erleben. Die Entwicklung eines Vortrags scheint sich in ganz anderer Weise zu verstehen, als es uns die vertrauten Einteilungen in Zuhörende und Vortragenden z.B. oder in textliche und sprachliche Dinge erst mal nahelegen.

Was ist z.B., wenn der rote Faden in einer Vortragsentwicklung verlorengeht? Das "Verlorengehen des roten Fadens" ist zweifellos ein Vorgang bildhafter Natur - in unserem Sinne also etwas Seelisches. Kennzeichnend für eine bildanalytische Psychologie ist es nun, in einem solchen Falle zunächst einmal diesem Wortbild zu folgen und davon auszugehen, daß es der VORTRAG ist, der den roten Faden verliert und nicht etwa - wie wir vielleicht gerne schlußfolgern möchten - der Redner.

Das Vortragsgeschehen als ein Ganzes ist es, um dessen Schicksal und Verlaufsgesetz es geht: Der Vortrag als ein bildlicher Prozeß, der verschiedene Menschen und Anliegen, Erwartungen, sachliche Gegebenheiten, Atmosphärisches und vieles vieles mehr in bestimmter Weise miteinander zu verbinden versteht.

Derjenige, der die Rede hält oder auch der Zuhörer etwa merkt das Verlorengehen des roten Fadens möglicherweise gar nicht oder stellt es vielleicht erst viel später fest. Und trotzdem kann dieses Bild durchgehend für den Ablauf der Rede wirksam sein und sich möglicherweise in ganz anderen Dingen als dem naheliegenden Unruhigwerden der Zuhörer oder dem "Ins Schwimmen Kommen" des Vortragenden zum Ausdruck bringen; so z.B. in einem überbetont freundlichen Eingehen des Redners auf eine technische Frage aus dem Publikum.

Der Vortrag zeigt auf diese Weise auch eine Seele, weil er einem Bild folgt. Das heißt: die Entwicklung des Vortrags folgt einem EIGENEN Gesetz und ihr Spielraum ergibt sich aus den besonderen Zwängen und Freiheiten, die durch das spezifische Bild bestimmt sind.

Ich kann mir vorstellen, daß es für manch einen jetzt schwierig wird, diesem Gedankengang zu folgen. Es ist nämlich schon etwas ungewöhnlich, so zu denken. Und aus diesem Grunde werde ich die Form des Vortrags ab hier auch ein bißchen abwandeln. Wundern Sie sich also nicht, wenn ich für die Dauer einer Viertelstunde jetzt nur noch über ein einziges Beispiel reden werde. Und hierzu habe ich einen bestimmten Gegenstand als Beispiel gewählt: Die Tasse.

Wir legen hierzu nur kurz fest, daß es uns um die Tasse als Haushalts- und Gebrauchsgegenstand geht. Das heißt, sie soll uns hier nicht so sehr als Sammelgegenstand oder Reiseandenken, auch nicht als Zeugnis der Kulturgeschichte interessieren. Nach unserer Auffassung gibt es das sogenannte Ding-an-sich ja nicht. Und also gibt es auch die Tasse nicht, ohne daß sie uns entweder in der einen oder anderen Perspektive entgegentritt.

Auch eine anscheinend so simple Sache wie die Tasse, also eine Tee- oder Kaffeetasse z.B., hat ein Bildverstehen. Und das heißt jetzt nicht nur, daß sie ein bestimmtes und typisches Erscheinungsbild hat. Nein! Wenn wir von der Tasse als einem Gebrauchsgegenstand reden, dann meinen wir etwas Umfänglicheres, etwas, das sich nicht nur auf das Äußere dieses Gegenstands bezieht.

Ich stelle nun die These auf, daß die Tasse für uns etwas Besonderes leistet. Und wie sieht das nun aus?


Da ist also zunächst einmal eine Kanne mit dem heißen oder warmen Getränk darin. Wollten wir jetzt ohne Hilfe der Tassen davon trinken, haben wir uns zunächst einmal auf eine Reihe von Einschränkungen einzulassen:

Ohne Tassen müßten wir an die Kanne jetzt direkt heran. Das hieße aber, wir könnten nicht aus diesem Vorrat so ohne weiteres trinken - wenn zur gleichen Zeit das noch ein anderer will. Wir müßten also vielleicht erst mal warten, bis der andere die Kanne freigibt. Außerdem müßten wir mit dem sperrigen Behälter ganz besonders sorgsam umgehen, sonst könnte schnell ein Mißgeschick geschehen.

Wir müßten uns in unserem Trinkstil auch ganz diesem Vorratsbehälter und seiner besonderen Form anpassen. Vielleicht kommen wir an das warme Gut ja nur in ganz kleinen Schlückchen oder umgekehrt auch nur in größeren und wenig kontrollierbaren "Schüttungen" heran. Vielleicht verbrennen wir uns auch die Finger an der Kanne, weil wir sie irgendwo anfassen müssen, wo sie zum Anfassen nicht so gut geeignet ist. Wir müßten es uns auch versagen, den Geschmack des Getränkes individuell noch etwas abzuwandeln, wenn ein anderer, der aus der Kanne mittrinkt, es anders haben will - und auch dann, wenn wir allein aus der Kanne trinken und wir es uns mittendrin anders überlegen und das Getränk nicht mehr so süß wie bisher haben wollen.

Wir sehen, die Tasse bietet uns viele Vorteile, die wir bei einem "Direktanschluß" an den Vorratsbehälter nicht hätten:
Wir können in gut kontrollierten und uns selbst genehmen Schlucken das Getränk zu uns nehmen. Wir können es in der Temperatur gut kontrollieren, vom Rande nippend trinken, das Ganze an der verhältnismäßig großen Oberfläche gut abkühlen lassen.

Wir können unseren Genuß in der Form persönlich variieren, das Getränk in vollen Zügen genießen oder auch in feinen kleinen nippenden Schlucken. Wir können auch unseren Lippen eine besondere Wohltat bieten und uns obendrein das Gefühl verschaffen, etwas ganz für uns allein und persönlich zu haben, so wie einen kleinen Schatz, der nur für uns allein da ist. Das zeigt uns dann die eigene Tasse an, die vielleicht sogar den eigenen Namen trägt und mit der wir vielleicht auch eine ganz persönliche Geschichte verbinden.

 

 

Interessanterweise erinnert das alles auch an sehr frühe Verhältnisse, die wir alle kennen, also an die Ernährung durch die warme Zufuhr aus der Brust der Mutter oder aus der Nuckelflasche. Lassen wir diesen Vergleich einmal zu, dann sehen wir einigermaßen verblüfft, daß wir durch den Gebrauch von Tassen nicht einer alten Glückseligkeit hinterherlaufen und diese uns ersatzweise wieder herzustellen suchen.

Nein, wir sehen eher, wie der Mensch mit diesen Tassen eine uns viel besser erscheinende Form der Mutterbrust-Versorgung entwickelt hat.

Der Mensch scheint mit den Tassen das, was wir alle entwicklungsgeschichtlich einmal als Erfahrung höchster Beglückung erlebt haben, überbieten zu wollen: Denn im Unterschied zu früher laufen wir beim Trinken nicht Gefahr, mit einem falschen Handgriff (bzw. mit einem unpassenden Biß) den Fluß zum Versiegen zu bringen - z.B. Mutter wird sauer. Wir sind nicht auf ein kleines Rinnsal angewiesen, wir können auch in großen Schlucken genießen, wenn wir wollen. Wir müssen uns nicht anstellen, weil die andere Brust jetzt dran ist oder das Geschwisterchen. Wir brauchen uns beim Trinken auch nicht groß anzustrengen. Wir staunen hier bei dem Vergleich mit frühen Formen flüssiger Zufuhr, daß der Mensch sich mit der Erfindung der Tassen verbessert hat. Und die Nostalgie der paradiesischen Kindheit tritt für einen Augenblick etwas zurück.

Bisher habe ich vor allem davon gesprochen, was die Tasse für uns leistet. Dabei habe ich nicht ohne Vergnügen der klassischen Psychoanalyse eine gewisse Referenz erwiesen bzw. ihrer besonderen Wertschätzung der frühkindlichen Verhältnisse.

Wir haben auch gesehen, daß die Bedeutung der Tasse nicht ausreichend damit erfaßt wäre, wenn wir in ihr nur die Leistung einer Kompensation oder eines Ersetzens früherer und idealerer Verhältnisse zu sehen versuchten. Ein über die frühen Verhältnisse hinausgehendes Verfügen- und Genießenkönnen schien uns vielmehr die besondere Leistung zu sein, die sich für uns mit einer Tasse als Gebrauchsgegenstand verbindet.

Ist die Tasse damit aber schon als ein Bild und Gleichnis verstanden, welches sich auch in anderen Dingen und Zusammenhängen zeigen und als Verstehenshilfe nützlich machen kann? Wenn die psychische Realität "Tasse" sich nach einem bestimmten Gleichnis oder Bild versteht (also ein Bildverstehen hat), dann muß sie das leisten.

Wie ist das jetzt mit der Tasse? Kann sie uns auch zu einer Verstehenshilfe für anderes werden? Dazu formulieren wir das bisher Gesagte jetzt etwas ins Allgemeine um:

Die Tasse, so haben wir gesehen, ermöglicht uns eine Form stofflicher Zufuhr, in deren Mittelpunkt eine Art raumschaffender Aufschub steht. Der Stoff, um den es in unserem Beispiel geht, ist der Tee. Stoff im übertragenen Sinne kann aber auch etwas ganz anderes sein:

Eine Haltung, z.B. die Einstellung einer bestimmten Sache gegenüber, eine Idee, die jemanden bewegt - alles das wären Beispiele für etwas Durchgängiges, das sich analog zum flüssigen Stoff in der Kanne auf dem Weg in etwas anderes hinein befindet.

Die Tasse gibt diesem Prozeß und Übergang, in dem sich der Stoff befindet, eine besondere Fassung:

Das Einbringen des Tees in die Fassung der Tasse gehört zum Prozeß der persönlichen Einverleibung des Stoffes schon dazu, der entsprechende Stoff bleibt aber noch weitgehend unverändert dabei, wenn wir einmal von einer möglichen individuellen Beigabe (von Zucker oder auch Zitrone im konkreten Falle) absehen.

Die "Tasse" ermöglicht es uns nun, diesen Prozeß in ganz bestimmter Weise auszudehnen und zwar so, daß wir das Ganze so gut wie möglich nach unseren EIGENEN Bedürfnissen und GESETZEN durchführen können.

Dem Stoff wird dabei sogar eine gewisse Referenz erwiesen, er muß sich nicht irgendwelche Prozeduren gefallen lassen, die an sein Wesen rühren; stattdessen kann er sich sogar eines gewissen Raumes sicher sein, in dem er sich noch einmal, in der ihm eigenen Weise - aber doch auch schon auf den bevorstehenden "Verzehr" bezogen - entfalten kann.

Konkret: er duftet, - oder übersetzt: eine Sache, mit der wir uns gerade befassen, kann einen gewissen Charme haben, den wir erst einmal so duften bzw. auf uns wirken lassen.

Ein kurzer Blick zurück: Mit den Streitenden am Anfang hatte ich ein Beipiel dafür gewählt, wie sich das Seelische einer Beziehung in einem Gleichnis bemerkbar macht. Seelisches im Bild einer Beziehung zwischen zwei Menschen zu sehen,

das ist uns nicht ganz so unvertraut. Mit dem Beispiel eines Vortrags wurde es aber schon ein Stückchen befremdlicher. Seelisches erschien uns dabei gleichsam quer zu den gewohnten Einteilungen zu verlaufen und dabei Menschen und Sachen in einem zu verbinden. Mit der Tasse versuchen wir nun auch an den leblosen Dingen unseren neuen Begriff von Psyche zu erproben.

Prüfen wir jetzt einmal, ob das Gleichnis der Tasse uns helfen kann, z.B. auch das Geschehen eines Vortrags in psychologischer Hinsicht zu verstehen. Schaffen wir das von der Tasse her?

Beziehen wir uns doch auf diesen Vortrag hier:
Es steht eine neue Art des psychologischen Denkens zur Verfügung - so wie der Tee in einer Kanne etwa: Gemeint ist das "Bildanalyische Denken”. Man kann auf verschiedene Weise davon etwas abbekommen: z.B. als Auszubildender in der psychotherapeutischen Weiterbildung beim Psychosozialen Forum. Da kann man sich dieses Denken zu eigen machen. Das Zu-eigen-machen geschieht dann z.B. ganz konkret in den Gruppensitzungen.
Und so wie die Ausbildungsgruppensitzungen so ist auch der Vortrag zum zehnjährigen Bestehen hier eine Form, in die ein bestimmter gedanklicher und haltungsrelevanter Stoff gebracht ist. Dieser Stoff will, dem Gleichnis Tasse folgend, mit einem gewissen Aufschub behandelt werden, um dann, nach einer gewissen Würdigung und je nach Geschmack und Bedürfnis für jeden einzelnen in etwas individuell Verarbeitetes überzugehen. Was aus meinen Ausführungen jetzt zu Ihnen herüberkommt, muß also noch nicht gleich verarbeitet und verstanden werden.

So ein Vortrag (sehen wir ihn von der Tasse her) lebt vielmehr davon, sich gleichsam duftend vor uns hinzustellen. Er enthält etwas, was im wesentlichen noch unübersetzt ist in die Begrifflichkeit jedes einzelnen Zuhörers - und was fürs erste auch noch so bleiben darf - obwohl natürlich am Ende eindeutig die Auflösung steht ins individuelle Verstehen hinein oder in ein Nützlichmachen für die eine oder andere davon abweichende Sache. So ein Vortrag wirkt nach. Und die Auflösung des interessierenden Stoffes, also die Umwandlung in etwas Eigenes, kann auch erst viel später stattfinden.

Für diejenigen, die es vielleicht noch immer nicht glauben, daß wir mit dem zufällig gewählten Beispiel der Tasse tatsächlich ein UNIVERSALES Gleichnis gefunden haben, werden wir dasselbe Gleichnis nun darauf befragen, ob es uns nicht auch etwas über das Seelische im ALLGEMEINEN sagen kann:

Sehen wir also, ob wir nicht sogar eine "ganze Psychologie" von der Tasse her entwickeln können. Natürlich kann das hier nur ganz kurz angerissen werden. Gönnen wir uns aber vorher erst noch ein Stückchen gemeinsames Erleben [eingespielt wird Samba de Janeiro]. Das ist der Sommerhit dieses Jahres "Samba de Janeiro".

Was wir gehört haben, wenn wir es von seiner Wirkung her beschreiben, können wir einen Ohrwurm nennen. Wir meinen damit einen Wurm, der jetzt natürlich nicht wirklich in unsere Ohren kriecht, vielmehr verstehen wir das Ganze in einem übertragenen Sinn. Und das ist logisch konsequent so. Andererseits spüren wir aber auch, daß da noch ein bißchen mehr ist als nur das, was die Analogie zu beschreiben vermag: Ein bißchen meinen wir doch auch tatsächlich, daß dieses Lied uns in die Ohren geht und eine Art Wurmrealität besitzt. Beides - also dieses Verstehen im nur übertragenen Sinne und das Ernstnehmen des Darüberhinausgehenden - geht aber logisch nicht zusammen.

Und vorwegnehmend sei schon an dieser Stelle gesagt, daß nach dem Gleichnis der Tasse genau DAS ein besonderes Kennzeichen des PSYCHISCHEN ist:
Die Tasse macht uns aufmerksam auf eine paradoxe Realität: Und das will sagen: Im Psychischen geht es weder um etwas Irrationales noch um etwas voll Verstehbares (also auch nicht um etwas, was sich irgendwann einmal in einer Reihe von Analogien etwa auflösen ließe).

Natürlich hätten wir uns diesen Charakterzug des Seelischen auch schon an den anderen Bildern klar machen können, am Beispiel des "verlorengehenden roten Fadens" etwa oder auch am Bilde des "Sich-gleich-an-die-Gurgel-gehens". Der Ohrwurm ist nur ein weiteres Beispiel hierfür.

Ich will das aber an dieser Stelle mit Hilfe der Tasse noch etwas deutlicher machen. Blicken wir hierzu noch einmal zurück. Da gibt es den Übergang von der Kanne weg in den Körper eines Trinkenden hinein - und wichtig dabei ist dieser kleine raumschaffende Aufschub.

Übersetzt heißt das: Psychisches hat mit einem "Stoff" (Stoff im Sinne von etwas Ganzheitlichem und Durchgängigem) zu tun, der im Begriff ist, in etwas anderes überzugehen und auf dem Wege dahin in eine bestimmte, ihn gleichsam aufhaltende Fassung gerät. Das was ihn dabei "aufhält" ist die Doppelnatur des Seelischen, das weder Klar-ins-Logische- noch ins Mystisch-magische- Hineinpassen der Geschehnisse. Diese paradoxe Natur ist es, welche die Verfassung des Seelischen auszeichnet.

Seelisches tritt uns also immer als etwas Paradoxes entgegen. Kurz: Wenn wir z.B. das eben gehörte Lied einen Ohrwurm sein lassen, obwohl wir ja wissen, daß es sich nicht um einen wirklichen Wurm und um ein reales "im Ohr sitzen" dabei handeln kann - oder andersherum: wenn wir uns an die handfesten Analogien halten und das eben genannte "Mehr" trotzdem ausdrücklich MITGELTEN lassen - dann haben wir es mit dem Seelischen zu tun.

Paßt diese Vorstellung vom Psychischen jetzt auch noch zu unserer zuerst aufgestellten Formel, die da lautete: "Das Seelische ist das jeweilige Bildverstehen"? Sie widerspricht der vorgenannten Formel - wie wir gleich sehen werden - natürlich nicht, sie gibt nur einen anderen Blick auf die Sache. Das kann aber helfen, unser neues Konzept vom Seelischen noch etwas genauer und tiefer zu erfassen. Aber auch hier müssen wir wieder übersetzen.

Bildverstehen sagt ja: "Da ist etwas, was sich nach diesem oder jenem Bild versteht". Wir tun also so, als ob die Welt von lauter kleinen Seelen belebt sei - wie in der Philosophie des Animismus etwa: Da wo wir ein Bildverstehen feststellen, soll also etwas existieren, das "sich versteht", so als befände sich dort ein der menschlichen Seele analoges Sein. Natürlich wissen wir, daß es UNSINN ist, z.B. in dem Ohrwurmhaften des gehörten Liedes eine Art Seele im engeren Sinne zu vermuten, und wir fassen daher dieses "Sich-Verstehen" auch gerne in einem übertragenen Sinne auf. Und dann heißt Bildverstehen einfach, daß etwas NACHVOLLZIEHBAR" (also verstehbar) in sich zusammenhängt.

Mit der von uns gewählten Formel wollen wir aber darauf hinweisen, daß sich die seelische Wirklichkeit gerade nicht auf das reduzieren läßt, was mit Hilfe eines Bildes sich voll nachvollziehbar beschreiben läßt.

Der Begriff vom "Bildhaften-sich-Verstehen", den wir für die seelische Wirklichkeit gesetzt haben, soll daran erinnern, daß die psychischen Dinge uns immer als sehr eigenständig entgegentreten, so als würden sie tatsächlich ihren "eigenen Kopf" haben und in der Lage sein, sich (und zwar jetzt im engen Wortsinne) selbst zu verstehen.

Das Tassengleichnis führt, wie wir sehen, unser Verstehen vom Seelischen auf die ihm eigene Art weiter und verhilft dabei auch zu einem tieferen Verständnis unserer Formel vom Bildverstehen. Und von dieser Formel sind wir ja ausgegangen.

Wir erinnern uns: Das Konzept "Bildverstehen" als Fassung unserer WAHL für DAS, was WIR unter Psyche verstehen, war der Ausgangspunkt für unser Tassen-Experiment. Es ging darum zu zeigen, daß jedes beliebige "Ding" aus sich heraus ein Gleichnis und einen eigenen "Ordnungszusammenhang" entwickeln kann. Und um es uns nicht zu leicht zu machen, habe ich das Beispiel einer sogenannten unbeseelten Sache gewählt, also das Beispiel eines zwar alltäglichen, aber "materialen” Gegenstands.

Wir können jetzt - durch den Umweg über das Tassengleichnis um einiges klüger geworden - sagen: Das Seelische ist überall da, wo es darum geht, sich auf ein bestimmtes Doppeltes einzulassen, auf Zusammenhänge, die man in ihrer paradoxen Natur und in ihrer logischen Unauflösbarkeit erst einmal so stehenlassen und akzeptieren muß. Und das ist gut zu wissen - besonders dann, wenn wir vom Seelischen und seiner besonderen Natur profitieren wollen. Letzteres haben wir ja vor, wenn wir uns das Wissen um die besondere Natur des Seelischen für eine Psychotherapie und Beratung fruchtbar machen wollen. Aber hierzu werde ich gleich noch etwas mehr sagen können.

Schließen wir also hiermit jetzt unsere Überlegungen zum Beispiel der Tasse als einem seelischen Gleichnis ab:
Auch die Tasse hat
also, wie sich zeigen läßt, ein bildhaftes Sich-Verstehen, kurz
ein "Bildverstehen":
Sie versteht sich als das Angebot eines kleinen raumschaffenden Aufschubs innerhalb eines ganz bestimmten, auf Zufuhr und Kontinuität ausgerichteten Übergangsprozesses.

Damit sehen wir, wenn ich den Faden von vorhin wieder aufgreifen darf, daß die sogenannten toten oder technischen Dinge mit in den Gegenstandsbereich einer bildanalytischen Psychologie hineinfallen. Und wir sehen, daß die Dinge, wenn wir sie erst einmal in ihren eigenen Möglichkeiten ernstgenommen haben, sich bald als umfassende Formeln und Gleichnisse erweisen. Sie werden dabei jeweils zu etwas weit über sich selbst Hinausweisendem. Bilder sind also nicht nur Ausdrucksbildungen VON etwas (und schon gar nicht bloße Audrucksbildungen eines alles bestimmenden Gesamtzusammenhangs - wie z.B. Goethe es uns in seiner Morphologie zu lehren versucht hat) - sie sind vielmehr Ausdrucksbildungen im Sinne eines gleichnisgebenden Zusammenhangs und Formel FÜR etwas.

Welche Konsequenzen bringt das nun mit sich, den Begriff der Psyche solcherart zu erweitern?

Zur Beantwortung dieser Frage möchte ich hier einen Aspekt besonders hervorheben: Wenn das Bildverstehen die Sache ist, die uns interessiert, dann tun wir etwas für eine reichhaltigere Welt, für eine Welt, die uns eine Vielfalt von "in sich verstehbaren" Zusammenhängen bieten kann. Wir müssen den verspürten Zusammenhängen nicht mehr eine - durch ein bestimmtes System vorgeschriebene - Ableitung verpassen. Wenn Bilder gleichsam Formeln sind, welche aus SICH heraus Zusammenhang stiften, dann können wir auch auf IHNEN unsere Ordnungen bauen. Auch von IHNEN aus läßt es sich kategorisieren. Ein festes Kategoriensystem allerdings gibt es dann nicht. Deutlicher: Ein System von Kategorien (also ein festes Begriffssystem), was die seelischen Zusammenhänge für jeden Fall gleichermaßen übersetzbar macht, gibt es in einer bildanalytischen Psychologie nicht.

Sowie Nietzsche das "aphoristische Denken" gegen das system-gebundene gestellt hat, so stellen wir das bildanalytische (bild-perspektivische) Denken gegen eine Psychologie, die mit einem System arbeitet. Durchkämmen wir die Wirklichkeit mit dem Raster des einen oder anderen psychologischen Systems, wie es eben so üblich ist, dann erhalten wir natürlich früher oder später eine straff geordnete - und vor allem das System bestätigende - Abfolge von Zusammenhängen.

Man kann sich gut vorstellen, daß bei einer klassisch psychoanalytisch ausgerichteten Ableitung z.B. die Welt irgendwann tatsächlich aus lauter phallischen oder oralen sowie analen oder ödipalen Vorgängen und ihren Entsprechungen besteht. Im Falle einer bildanalytischen Betrachtung und Durchforschung der Wirklichkeit wird die Welt hingegen vielfältiger und lebendiger, eben bildperspektivisch. In diesem Falle schickt sich jedes Bild an, SELBST ein Gleichnis und damit eine Art "ordnender Zusammenhang" für das Ganze zu werden.

Schließlich und endlich wollen wir aber nicht übersehen, daß eine solche Wirklichkeit vielleicht auch Angst machen kann. Es ist ja nicht gesagt, daß sich jeder Mensch eine solche, vielfältig zentrierbare Welt auch wirklich wünscht und haben will.

Mit meiner Werbung für dieses Denken möchte ich die anderen existierenden Auffassungen von Psyche also keinesfalls geringschätzt wissen. Als Bildanalytiker liegt es mir vielmehr daran, gleichsam Geschmack zu machen auf etwas Neues, vielleicht also darauf, sich bei Gelegenheit noch einmal etwas genauer mit unserer Art des "bildanalytisch" genannten Denkens auseinanderzusetzen. Vielleicht hilft hierzu ja auch die Wendung unseres Blickes auf die praktischen Konsequenzen dieses Denkens, auf die Konsequenzen für eine Psychotherapie und Beratung zum Beispiel.

2. Die Bedeutung unseres Konzepts für eine Psychotherapie und Beratung

Werfen wir zum Schluß noch einen kurzen Blick auf die Probleme, in die sich das Psychische verwickeln kann - in einer Welt, die sich in Bildern und Gleichnissen versteht. Was ist, wenn sich unser Handeln und Erleben plötzlich selbst nicht mehr versteht? Eben hatte irgendwie noch alles Hand und Fuß und jetzt erscheint es so, als verstünden sich die Dinge, in denen wir stecken oder die wir produzieren, selbst nicht mehr. Sie scheinen ohne rechten Sinn und Zusammenhang. Was ist los? Haben wir jetzt etwas falsch gemacht? Nein! In eine solche Situation kommen Menschen immer dann hinein, wenn sich ihre Entwicklung in einem Übergang befindet. Seelisches ist gleichsam im Übergang von der einen Ordnung in die andere hinein. Umbrüche dieser Art gehören lebenswichtig zu unserer Entwicklung hinzu, das ist uns bekannt. Und was wir dabei erleben können, ist nicht nur die Auflösung der ehemals Zusammenhalt gebenden Bildzusammenhänge, sondern leider auch das noch Fehlen von etwas Funktionierendem Neuen, was die entfesselten "Kräfte" wieder in ein sinnvolles Ganzes bringen könnte; höchstens eine Ahnung davon könnte schon dabei vorhanden sein.

Eine ungünstige, aber nicht selten auftretende Reaktion auf solche - sich andeutende - Umbruchserfahrungen im ganz normalen Leben ist z.B. das Krankwerden. Das Seelische versucht in diesem Falle gleichsam mit Gewalt, durch die entsprechende Störung oder Krankheit wieder ein Sich-Verstehen in die Dinge hineinzubringen: Jetzt weiß man wenigstens, was oder wo es einem fehlt, alles Weitere kann von jetzt an auf die Lösung dieses Problems ausgerichtet werden; Seelisches versteht sich wieder, wenn auch für den Preis eines - wie Sie sich denken können -sehr hohen Aufwandes. Ich kann mich nicht durchsetzen oder ich bin schüchtern und werde so schnell rot oder ich habe furchtbare Konzentrationsschwierigkeiten; so oder so ähnlich kann sich das anhören.

Als Betroffener übersieht man sehr schnell dabei, daß diese Betrachtungsweise schon selbst Therapie ist und zwar eine Art Selbstbehandlung der Schwierigkeiten eines Übergangs. Das im Augenblick so viel Raum einnehmende Sich-nicht-Verstehen der gelebten Zusammenhänge hat aber sicherlich eine ganz andere Behandlung verdient. Und natürlich kann es bei einer psychotherapeutischen Hilfestellung nicht darum gehen, auf diese bereits schon vorhandene Form der Therapie noch eine weitere Therapieform "draufzusetzen". Der Betroffene muß sich mit Hilfe des Psychotherapeuten wieder trauen, sich den gelebten, Sich-selbst-nicht-mehr-Verstehenden Zusammenhängen zu stellen und sich wieder auf das Ganze seiner Wirklichkeit einzulassen, mitsamt seinen (zu einem Umbruch immer dazugehörenden) Merkwürdigkeiten. Das Seelische braucht jetzt eigentlich einen Raum, in dem es versuchsweise das eine oder andere, ihm noch unbekannte, gleichsam in kleinen Dosierungen an sich und als Wirkung in der Realität und bei den anderen in Erfahrung bringen kann. Die Tasse als Gleichnis - wir haben sie ja jetzt im Hinterkopf - würde uns sagen, daß es in einer Psychotherapie darum geht, einen kleinen raumschaffenden Aufschub sicherzustellen.

Und damit, so glaube ich,haben wir jetzt auch unseren roten Faden wieder. Eine Therapie z.B. muß helfen, das Übergangshafte des Entwicklungsprozesses, indem der Betreffende sich befindet, in eine Form zu bringen. In eine Form, die für eine zeitlang den Betroffenen auf das Übergangshafte geradezu festlegt. Das ist auch wieder eine schöne paradoxe Formulierung. Besser können wir aber diesen Vorgang, um dessen Verstehen wir uns hier bemühen nun mal nicht fassen. Das haben wir ja auch schon im Laufe des Vortrages feststellen können, als es uns darum ging von der Tasse her eine universale Aussage über das Seelische zu machen. Wir sprachen von der Paradoxie als einer besonderen Fassung, in die sich das Übergangshafte der seelischen Wirklichkeit zu bringen versteht.

Das bildanalytische Denken bringt uns nun dazu, für den Bereich der Psychotherapie eine wichtige Markierung zu setzen. Und damit will ich sagen: Unser Denken hat weit ins Praktische hineingreifende Folgen. Und zwar geht es dabei um den Krankheitsbegriff: Dem heilkundlichen Begriff von Krankheit muß ein psychologischer an die Seite gestellt werden. Der heilkundlich orientierte Krankheitsbegriff verführt nämlich dazu, auf die eben beschriebene Methode des Betroffenen - die den Übergangsprozeß ja abkürzen will - zu sehr einzusteigen und den Betroffenen in seiner problematischen Haltung zu bestärken. Und das gilt besonders dann, wenn da noch die Krankenkassen mit ihren berechtigten, aufs Heilen und Bessern ausgerichteten Ansprüchen als Auftraggeber im Hintergrund mitspielen.

Der bestehende Krankheitsbegriff paßt auf die Perspektive des Funktionierens. Und dieser Blickwinkel steht gleichsam für eine medizinische bzw. heilkundliche Orientierung der Forschungs- und Arbeitweise. Versuchen wir nun aber von unseren neuen Einsichten her das psychologische Denken dagegen abzuheben, so nimmt das Psychologische für uns (im Gegensatz zum Funktionieren) die Perspektive der ENTWICKLUNG ein. Jetzt könnte ich, wenn wir noch Zeit für einen weiteren Vortragsteil hätten, die Psychologie noch einmal vom Gleichnis der Entwicklung her für Sie entwickeln. Ich glaube, Sie nehmen mir das jetzt aber auch so ab, daß so etwas möglich ist.

Wir kürzen also etwas ab: Auch von der Entwicklung her gesehen gibt es existentielle Probleme, Probleme, die im übertragenen Sinne auf Krankes und Gesundes verweisen: Die Entwicklung ist demnach "gesund" (gesund im übertragenen oder im psychologischen Sinne natürlich), wenn sie krisenfähig ist. Das ist eine wichtige Setzung. Sobald diese Fähigkeit aber fehlt, also die Fähigkeit, die eigene Entwicklung in eine Krise einmünden zu lassen, in der es um die Bewältigung eines Umbruchs von Entwicklung geht, haben wir es mit Krankheit im psychologischen Sinne zu tun. Diese Unterscheidung zum heilkundlichen Krankheitsbegriff, der ja auf das Funktionieren aufbaut, ist entscheidend:

Ein Mensch, der sich endlich wieder traut, sich auf bestimmte Veränderungen einzulassen und der dies jetzt vielleicht gerade in Gestalt einer körperlichen Störung versteht in Gang zu setzen, der beweist doch gerade ein psychisches Gesundsein und ist nicht etwa - jedenfalls nicht im psychologischen Sinne - als krank anzusehen. Die Behandlung eines solchen Menschen sollte auf keinen Falle unter der Führung eines heilkundlichen Krankheitsbegriffs erfolgen. Ich denke, Sie verstehen warum. Umgekehrt kann ein Mensch, nehmen wir z.B. den sogenannten Workoholiker (also den Arbeitssüchtigen), der vielleicht jeden Tag sein Jogging macht, ernährungsmäßig auch nur das Beste für sich tut und keinerlei seelisch-körperliche Beschwerden hat, psychisch schlicht und ergreifend "krank" sein, denn seine Entwicklungsfähigkeit ist vielleicht zugunsten eines universalen Beweismusters, mit dem er sich für immer Krisen zu ersparen versucht, bereits verlorengegangen. Wenn die Entwicklungsfähigkeit fehlt, sprechen wir im allgemeinen natürlich nicht von Krankheit, und das ist auch gut so. Es handelt sich ja auch nur um Krankheit im übertragenen Sinne. Und wir wollen auch nicht in diesem Punkt etwa - nicht daß ich hier jetzt mißverstanden werde - einen neuen Sprachgebrauch einführen. Der Krankheitsbegriff ist zu stark von einem heilkundlichen Denken bestimmt.

In den letzten Jahren hat sich einiges geändert: Wenn wir heute von einer Psychotherapie im engen Sinne reden, dann meinen wir meistens eine entwicklungs- und veränderungsorientierte Psychotherapie. Teilweise wird unter "Psychotherapie" aber auch eine Dienstleistung im Sinne der Heilkunde verstanden - und möglicherweise demnächst verstärkt, durch das geplante Psychotherapeutengesetz. Um Verwechslungen zu vermeiden, sollte im Falle einer so verstandenen Psychotherapie auch immer von einer heilkundlich orientierten Psychotherapie gesprochen werden. Daß es sich in der Anwendung dieser neuen Wissenschaft, also der Tiefenpsychologie, die sich damals schnell und kräftig zu entwickeln begann, im Kern der Sache gar nicht um das Geschäft des Heilens und des Gesundmachens handelte, sondern um ein neues Umgehen mit der Entwicklung einer, an den erlebbaren Zusammenhängen seiner eigenen Wirklichkeit interessierten Persönlichkeit, das ahnte man in der interessierten Öffentlichkeit wohl auch damals schon. Das Neue mußte sich aber erst noch als etwas Eigenständiges versuchen abzuheben und durchzusetzen, und zwar neben dem Bild des Heilkundlichen, nach welchem es sich anderenfalls ja mehr ums Heilen, Lindern und Bessern statt um Entwicklung, zu kümmern gehabt hätte. Und das vollzog sich dann - für die breite Öffentlichkeit wahrnehmbar - im Wesentlichen über die Bewegung der 60er- und die der 70er Jahre, über die einschlägige und die schöne Literatur, über den, das Psychische ganz neu ins Bild setzenden Film der letzten 40 Jahre und last but not least über das In-Mode-Kommen von Selbsterfahrungen und psychologischen Weiterbildungen natürlich. Neben der Psychotherapie im engeren Sinne, die ich - in Abhebung zu einer heilkundlich orientierten Psychotherapie - entwicklungs- und veränderungsorientierte Psychotherapie nennen möchte, existiert in der Öffentlichkeit parallel dazu auch noch ein weiter gefaßter Psychotherapiebegriff: Er bezieht die heilkundlich orientierte Psychotherapie mit ein (inclusive aller Besonderheiten, auch des Psychiatrischen).

Unser bildanalytisches Denken macht uns auf den Unterschied von zwei grundverschiedenen Haltungen aufmerksam, die beide von uns eingenommen werden können: Die Störungen des Wohlbefindens und Probleme eines Menschen können nämlich
(a) entweder selbst in den Mittelpunkt gestellt und zum ZIEL einer Behandlung erklärt werden, oder
(b) zum ANLAß dafür genommen werden, vorrangig etwas anderes zu tun, nämlich etwas für die Entwicklungsfähigkeit des betroffenen Menschen. Wir wollen die heilkundlich ausgerichtete Psychotherapie jetzt aber nicht etwa als unseriös abwerten. Denn: warum sollte nicht auch mit psychologischen Mitteln - natürlich nur auf Grundlage einer reifen Entscheidung hierzu, auf andere Weise natürlich nicht - eine Störung beseitigt und die Folgen für die Entwicklung einmal auf den zweiten Rang gesetzt werden?

Bei der Gründung des Vereins vor 10 Jahren war der Wunsch ausschlaggebend, einer entwicklungsorientierten Psychotherapie mehr Raum zu geben und die Psychotherapie - wie wir damals sagten - aus der heilkundlichen Umklammerung zu befreien. Unser Engagement begann mit der Entwicklung eines finanziellen Fördermodells für heilkundeunabhängige Psychotherapien. Im nächsten Schritt wollten wir auch etwas dafür tun, daß die entsprechende Haltung, die für ein solches psychotherapeutisches Arbeiten nötig ist, konsequenter als bisher und auf breiterer Ebene gefördert wird. Also bauten wir eine, den eigenen Wertsetzungen entsprechende psychotherapeutische Weiterbildung auf mit einem Curriculum, das sich vom Niveau und Anspruch her im übrigen an den bereits bewährten Standards der tiefenpsychologischen Schulen orientiert. Dabei entdeckten wir, daß Interessenten mit verschiedenem akademischen Grundberufen überraschend gute und vergleichbare Voraussetzungenfür die psyhotherapeutische Weiterbildung mit sich brachten, vor allem, wenn sie in ihrer Studienzeit schon die entsprechenden Schwerpunkte gesetzt hatten (Der Diplompädagoge z.B. hat sich ja häufig während seines ganzen Studiums mit der Entwicklung konkret als auch mit ihr als ein Gleichnis auseinandergesetzt). Berufspolitisch ist es uns - im Unterschied übrigens zu den meisten anderen Lehrinstituten - weniger darum gegangen, für eine heilkundliche Anerkennung der Psychologie zu kämpfen. Wichtiger war es uns vielmehr, auf das umfassendere Ziel eines neuen Denkens innerhalb der Psychotherapie hinzuwirken und auf ein neues Verständnis derselben "jenseits" einer rein heilkundlichen Ausrichtung. Der Kern der Ausbildung, die wir seit 10 Jahren anbieten, liegt in einer psychotherapeutischen HALTUNG, die wir mit Hilfe eines bestimmten Ausbildungsganges zu entwickeln und zu fördern verstehen. Die Haltung ist also das Entscheidende. Sie trägt das konkrete Tun und Handwerk des "Analytischen Beraters" oder Psychotherapeuten. Haltungen haben aber die Eigenschaft auch über das hinaus, was ihre Bestimmung im engeren Sinne ist, wirksam werden zu wollen. Und das beschreibt den geschichtlichen Zeitpunkt heute, an dem wir uns befinden. Die bildanalytische Psychologie, die sich bereits in Form einer psychotherapeutischen Haltung bei den Ausgebildeten und teilweise auch schon bei den noch in Ausbildung befindlichen Analytischen Beratern und Psychotherapeuten verkörpert hat, will sich jetzt auch als eine eigene psychologische Betrachtungsweise stärker in der öffentlichen Diskussion bemerkbar machen. Wir wollen uns in Zukunft mehr einmischen. Der heutige Tag ist eine Art Startschuß hierzu.

Für mich ist das Psychosoziale Forum in den letzten 10 Jahren eine wichtige Plattform gewesen, ganz grundlegende Gedanken und Anliegen sowohl in einem anspruchsvollen, lebensnahen Rahmen als auch in der Gemeinschaft vieler nicht nur Interessierter, sondern auch interessanter und liebenwerter Menschen einbringen und erproben zu können. Einen Grund, heute mit Ihnen hier zu feiern, brauche ich also nicht lange erst zu suchen. Ich kann ihn fühlen!

Ich danke Herrn Harald Keller für die künstlerische Ausgestaltung des Vortrags und Ihnen
danke ich für Ihre Aufmerksamkeit



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