Diese Seite drucken

Neues Denken


Wie halten wir es mit dem Paradoxen?

Allem kann ich widerstehen, nur der Versuchung nicht.
(Oscar Wilde)

Sind Paradoxien nur scheinbare Widersprüche?
Sind es nur interessante Gags, die uns schmunzeln lassen?
Geht es bei Paradoxien gar um absurde Verhältnisse, die es in der Realität gar nicht gibt?


Bildanalytisches Denken geht von psychodoxen Verhältnissen aus
- von einer widersprüchlichen Stimmigkeit.

Was heißt das? Nehmen wir das Warten eines frisch Verliebten.
Jemand wartet auf "seinen Schatz", der aber kommt und kommt nicht. Wenn die Verliebtheit frisch ist und sich beide noch nicht sicher darin sind, ein Paar zu sein, kann es passieren, dass der Wartende sehr leidet. Er hat Angst, dass seine Liebe nicht erwidert wird. Gleichzeitig geschieht aber noch etwas anderes: Der Wartende wird sich in seiner Angst auch seiner Liebe und der schon gewachsenen Bindung "bewusst": Er verhält sich wie jemand, der den Anderen schon als zu ihm zugehörend erlebt. Wenn er dieses gute Gefühl in Richtung "Haben" jetzt dem zunehmenden Gefühl eines Mangels gegenüberstellen würde, müsste dann nicht in der "Summe" etwas Kleineres herauskommen? - müsste sich dabei nicht etwas gegenseitig auflösen? Wie wir wissen, verhält sich das Seelische aber nicht so: Die Widersprüche bleiben vielmehr als untrennbar erhalten in einer widersprüchlichen Stimmigkeit. Kurz: Das Warten tut so richtig "schön" weh.

Der Mensch in unserer Kultur deutet die Widersprüche in den Paradoxien gerne als etwas Vorübergehendes und setzt darauf, sich irgendwann von ihnen befreien zu können. An dem genannten Beispiel kann man sich deutlich machen, dass dies prinzipiell nicht gelingen kann: Der Widerspruch ist konstitutionell - nicht nur im geschilderten Beispiel sondern überall. Das führt zu einem wichtigem Grundsatz: So wie es in der Physik den Satz der Energieerhaltung gibt, so gibt es in dem psychodoxen, bildanalytischen Denken die Widerspruchs-Erhaltung: Die Widersprüche verändern ihre Erscheinungsformen, sie verschwinden nicht wirklich. Wir Menschen suchen aber unentwegt, dieser Natur ein Schnippchen zu schlagen. Mit großem Erfindungsreichtum entwickeln und erfinden wir alle möglichen Wege und Methoden, die uns am Ende doch noch die erfolgreiche Befreiung aus diesem Dilemma versprechen wollen. Die Widersprüche aber bleiben. In der Summe entsteht merkwürdigerweise etwas recht Brauchbares dabei - unsere Kultur.

Psychodox sind alle Zusammenhänge, die wir als erlebbar ansehen müssen. Sie sind von bildhafter Natur, und jedes einzelne Bild ist in der Lage, ein Gleichnis für etwas anderes zu werden. Auf diese Weise bringen sich die "Dinge" selbst zum Sprechen. Sie zeigen ihr eigenes Bild von Wirklichkeit, wenn wir sie als Gleichnisse ausprobieren. Schon bei einer ersten Beschreibung dieser Zusammenhänge stoßen wir auf eine so geartete "widersprüchliche Stimmigkeit": Alles Einfache ist im Grunde eine Täuschung und leitet sich aus komplexen Zusammenhängen ab, nicht umgekehrt. Letzteres hat schon der Philosoph und Mathematiker Alfred North Whitehead in seinen späten Arbeiten als ein neues Denkprinzip herausgearbeitet. Whiteheads Denken, das eben noch mit Bertrand Russell zusammen die Principia Mathematica hervorgebracht hatte (1910-1913), wandelte sich bald darauf in ein solches, von der wissenschaftlichen Mainstream abweichendes Denken. Erst in jüngster Zeit wird er wieder entdeckt und seine Ideen zunehmend verstanden und ernstgenommen.



^ Top